Kommunikation im Ernstfall – Was gilt es für Krankenhäuser zu beachten?

- Interview mit Prof. Dr. Daniela Gröschke zur Resilienzförderung in Krankenhäusern -

Prof. Dr. Daniela Gröschke

Lebensbedrohliche und hoch ansteckende Infektionskrankheiten bedeuten für alle Beteiligten meist den Ausnahmezustand. Neben den technischen und medizinischen Voraussetzungen im Krankenhaus sind auch soziale und kommunikative Maßnahmen äußerst wichtig. Damit das Handeln des Personals im Umgang mit möglichen Verdachtsfällen nicht von Ängsten und Unsicherheit beeinflusst wird, müssen sie gut geschult und richtig informiert sein. In der Resilienzförderung geht es darum, die psychische Widerstandskraft zu erhöhen und Krisensituationen standzuhalten.

Daniela Gröschke ist Professorin für Interkulturelle Personal- und Organisationsentwicklung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, und leitet ein Teilprojekt innerhalb von InfectControl, das sich genau damit beschäftigt.

 

InfectControl: Frau Prof. Gröschke, warum untersuchen Sie die Resilienz in Bezug auf Infektionskrankheiten?

Gröschke: Erfahrungen des RKI deuteten darauf hin, dass MitarbeiterInnen in Krankenhäusern bei vergangenen Verdachtsfällen (z.B. Ebolafieber) sehr unterschiedlich reagieren. KrankenhausmitarbeiterInnen haben (berechtigter Weise) Angst vor Infektion (der eigenen Person, von Kollegen oder der Familie) oder vor Stigmatisierung in einer HCID*-Situation.

(*HCID: High consequence infectious diseases, Erkrankungen durch hochpathogene Erreger)

Wir haben daher im Rahmen des EKOS-Projekts untersucht, was KrankenhausmitarbeiterInnen motiviert, trotz einer existentiellen und bedrohlichen Lage zur Arbeit zu gehen. Wir haben Unsicherheitsfaktoren bzw. wahrgenommene Risikofaktoren (für einen bis dahin noch hypothetischen Fall wie Covid-19) sowie wichtige Rahmenbedingungen für resilientes Verhalten analysiert. KrankenhausmitarbeiterInnen spielen eine entscheidende Rolle sowohl im Umgang mit den Herausforderungen des Ausbruchs (z.B. intensivmedizinische Kapazitäten) als auch in ihrer Fähigkeit, dem Ausbruch mit höchster Professionalität entgegen zu treten.

Sie haben ein Kommunikationskonzept für Krankenhäuser im Umgang mit hoch ansteckenden und lebensbedrohlichen Infektionskrankheiten entwickelt? Können Sie daraus auch Handlungsempfehlungen für die aktuelle COVID-19-Lage aussprechen?

Unsere Erkenntnisse konsolidieren wir aktuell in ein integratives Kommunikationskonzept. Darin sind Empfehlungen aufgeführt, die die Kommunikation nach innen (z.B. an MitarbeiterInnen) und außen (z.B. Medien) berühren, um Krankenhäuser auf den HCID-Fall vorzubereiten (unter der Annahme, ein Patient/eine Patientin muss für einen bestimmten Zeitraum isoliert werden). Ein wichtiges Ergebnis in diesem Szenario ist zum Beispiel, dass die Kommunikation vier unterschiedliche Ebenen adressieren sollte: MitarbeiterInnen individuell, die Teams bzw. Stationen, das Krankenhaus insgesamt und auch das soziale Umfeld der MitarbeiterInnen. Insbesondere das Pflegepersonal identifiziert sich sehr stark über die Teamzugehörigkeit, so dass viel Rückhalt und Ressourcen auf dieser Ebene aktiviert werden können. Auch das soziale Umfeld ist eine wichtige Ressource im Ernstfall und sollte durch gezielte Maßnahmen (z.B. durch Informationsabende, Beratungsangebote, Informationen zum Schutz der Angehörigen) involviert werden.

Covid-19 hat uns nun eingeholt. Wir werden unsere Erkenntnisse auf die Covid-19-Pandemie übertragen, überprüfen und anpassen. Ein Fragebogen wird zeitnah online zur Verfügung stehen.

Gerade in Krisenzeiten, in denen alle auf neue Informationen lauern, verbreiten sich “Fake News” äußerst schnell. Auch Krankenhauspersonal ist davor nicht gefeit. Kann man dem entgegenwirken? Wird hier zu wenig unternommen?

Fake News waren nicht Gegenstand unserer Untersuchungen. Uns war jedoch aufgefallen, dass Kommunikationswege in Krisenzeiten nicht immer klar definiert sind, so dass hier Raum für Gerüchte, Fehl- und Falschmeldungen gegeben ist. Auch stehen die Social-Media-Aktivitäten in den von uns untersuchten Krankenhäuser noch relativ am Anfang, so dass sie nicht aktiv in die Krisenkommunikation miteinbezogen werden (können).

In Krisenzeiten können unterschiedliche Informationslagen koexistieren. Wir sehen die Krankenhäuser, respektive die Unternehmen in der Pflicht, fundierte und relevante Informationen (intern) an MitarbeiterInnen zu kommunizieren und damit eine Filterfunktion einzunehmen. Aktuell sehen wir viele gute Beispiele, wie Unternehmen ihre MitarbeiterInnen z.B. über Emails und/oder kontinuierlich aktualisierte Homepages informieren und damit den Raum für Fake News verkleinern. Im Rahmen des EKOS-Projekts wurden den KrankenhausmitarbeiterInnen in Schulungen und Informationsveranstaltungen zudem Empfehlungen gegeben, welche externen, seriösen Quellen aktuelle und wissenschaftlich fundierte Fakten zu HCID liefern (z.B. RKI-Homepage).

Gibt es erste kommunikative Lehren, die wir aus der aktuellen Krise ziehen können?

In der aktuellen Krise können wir nicht in die Krankenhäuser gehen und Forschungsdaten erheben. Interne Kommunikation mit KrankenhausmitarbeiterInnen ist gerade jetzt wichtig und essentiell. KrankenhausmitarbeiterInnen haben das Bedürfnis nach Information, damit sie sowohl effektiv arbeiten können als auch als Kommunikatoren nach außen (z.B. Patienten) fungieren können. Klare, korrekte, zuverlässige und zeitnahe Kommunikation ermöglicht informierte Entscheidungen und Kooperationen innerhalb des Krankenhauses (und nach außen).

Auf der gesellschaftlichen Ebene können wir derzeit beobachten, dass die kommunikative Wertschätzung systemrelevanter Berufe Stigmatisierungen – sofern erstmal eine Außenwahrnehmung – entgegenzuwirken scheint. Zudem scheint die Transparenz von Entscheidungen und auch begründete, zunächst gegensätzliche Entscheidungen zu einer höheren Akzeptanz von eingeführten Maßnahmen zu führen. Erklärung und Transparenz können also dazu beitragen, die Unbestimmtheit in der aktuellen Situation zu reduzieren und damit Kontrolle über eigene Handlungsoptionen (wieder) zu gewinnen.

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