„Die meisten neuen Infektionskrankheiten beim Menschen stammen von Tieren“

Das neuartige Coronavirus, das die Atemwegserkrankung COVID-19 auslöst, ist vom Tier auf den Menschen übergegangen. Der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts und Vorstandsmitglied von InfectControl, Thomas C. Mettenleiter, erklärt, warum Zoonosen für uns Menschen so gefährlich sind und was wir dagegen tun können.

SARS-CoV-2 ist wahrscheinlich von der Fledermaus auf den Menschen übergesprungen.
SARS-CoV-2 ist wahrscheinlich von der Fledermaus auf den Menschen
übergesprungen | © James Wainscoat

Herr Professor Mettenleiter, woher kommt das neuartige Coronavirus?

Das wahrscheinlichste Reservoir für das SARS-Coronavirus-2 ist die Fledermaus. In China wurde schon 2013 in einer Hufeisenfledermaus ein Coronavirus nachgewiesen, das eine hohe genetische Ähnlichkeit mit dem SARS-Coronavirus-2 hat. Es ist nicht identisch, aber sehr eng verwandt und das ist das beste Indiz dafür, dass es aus diesem Fledermaus-Reservoir kommt.

Warum springen Krankheitserreger von Tieren auf Menschen über?

Biologisch gesehen ist der Mensch Teil des Tierreichs. Deshalb können Erreger, die sich zwischen Tieren ausbreiten, auch auf den Menschen übergehen und Infektionskrankheiten auslösen – sogenannte Zoonosen. Das sehen wir sogar ziemlich häufig. Bei den neu auftauchenden Infektionen beim Menschen sind mehr als drei Viertel auf einen tierischen Ursprung zurückzuführen – so wie auch COVID-19. Glücklicherweise führt das nur sehr selten zu solchen massiven Ausbreitungen und Pandemien wie im Moment. Und selbst bei den klassischen Infektionskrankheiten gehen wir davon aus, dass zwei Drittel ursprünglich aus einem tierischen Wirt stammen.

Welche gefährlichen Zoonosen gibt es?

Die bekannteste Zoonose ist die Tollwut. In Mitteleuropa ist sie glücklicherweise ausgerottet, aber weltweit sterben jedes Jahr immer noch 60.000 Menschen an Tollwut. Das ist also immer noch eine sehr gefährliche Zoonose. Zu den Zoonosen gehören außerdem Infektionen wie die Rindertuberkulose, die auf den Menschen übergehen kann. Auch das Westnil-Virus, das vor zwei Jahren zum ersten Mal in Deutschland aufgetreten ist, gehört zu den zoonotischen Erregern. Das Ebola-Fieber ist eine Zoonose und letztlich auch die Grippe. Influenza-Viren kommen aus wild lebenden Wasservögeln.

An Ihrem Institut beschäftigen Sie sich mit dem neuartigen Coronavirus. Was wollen Sie herausfinden?

Unser zentrales Ziel ist es aufzuklären, ob sich Nutztiere mit dem SARS-Coronavirus-2 infizieren können. Falls das der Fall wäre, wollen wir wissen, inwieweit es zu einer Vermehrung des Virus kommt und welche Erregermengen ausgeschieden werden. Über die Ausscheidungen könnten infizierte Tiere in den Ställen zur Gefahr für den Menschen werden, der infizierte Mensch aber auch zur Gefahr für gesunde Tiere. Erste Ergebnisse unserer Untersuchungen an Schweinen und Hühnern zeigen jedoch, dass sie für eine SARS-Coronavirus-2-Infektion unter experimentellen Bedingungen nicht empfänglich sind. Frettchen, die wir als Modelltiere für menschliche Atemwegsinfektionen untersuchen, hingegen schon.

Werden wir künftig öfter mit Zoonosen zu kämpfen haben?

Es leben immer mehr Menschen auf der Erde. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Kontakt zwischen Mensch und Wildtier kommt und Krankheitserreger übertragen werden. Außerdem dringen die Menschen in Lebensräume von Tieren vor, die ihnen früher weitestgehend verschlossen waren. Das erhöht die Kontaktmöglichkeiten. Gefährlich wird es, wenn sich der Erreger effizient von Mensch zu Mensch ausbreitet, insbesondere dann, wenn infizierte Menschen in Großstädte gelangen – wie beim SARS-Coronavirus-2 in Wuhan. Auch die große Ebola-Epidemie in Westafrika konnte nur ausbrechen, weil es der Erreger in größere Städte geschafft hat. Eine wichtige Rolle spielt außerdem die Globalisierung. Krankheitserreger können sich in hoher Geschwindigkeit weltweit ausbreiten, wie wir es jetzt gerade mit dem SARS-Coronavirus-2 sehen.

Was können wir dagegen tun?

Wir werden Erregersprünge vom Tier auf den Menschen nicht vermeiden können. Wichtig ist es, solche Sprünge schnell zu erkennen, schnell zu lokalisieren und möglichst schnell einzudämmen, zum Beispiel durch geeignete Quarantäne-Maßnahmen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Thomas C. Mettenleiter

ist Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts – FLI, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit mit Hauptsitz auf der Insel Riems bei Greifswald. Er gehört zum Vorstand von InfectControl und ist Experte für Zoonosen.

© W. Maginot, Friedrich-Loeffler-Institut

Zoonose-Forschung bei InfectControl

Im bundesweiten Forschuungsverbund InfectControl 2020 arbeiten Human-, Veterinär- und Umweltmediziner eng zusammen. Die Forscherinnen und Forscher wollen schnelle, einfache und empfindliche Diagnosesysteme für Zoonosen etablieren. Sie entwickeln und testen außerdem Impfstoffe gegen zoonotische Erreger, erproben Medikamente und analysieren infektionspräventive bauliche Maßnahmen zum Beispiel für Ställe, um den Eintrag von Infektionskrankheiten zu verhindern.

InfectControl-Expertisen helfen bei der Bekämpfung von COVID-19
– Ein Netzwerk, das sich auszahlt –

InfectControl ist ein deutschlandweit vernetzter Forschungsverbund mit fünf starken Innovationsstandorten - Berlin, Braunschweig, Greifswald, Jena und Würzburg. Gemeinsam entwickeln Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft in interdisziplinären Teams neue Strategien und Konzepte, um Infektionen langfristig zu bekämpfen, die Verbreitung von Infektionserreger einzudämmen und den verantwortungsbewussten Umgang mit antimikrobiellen Substanzen zu fördern.

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